Chronik des Ohlsdorfer Friedhofs

1877
Im Jahr der Friedhofseröffnung:

  • erfindet Thomas Alva Edison den Phonographen
  • werden die Marsmonde Phobos und Deimon entdeckt
  • findet in Wimbledon erstmals ein Tennisturnier statt
  • nimmt in Deutschland das kaiserliche Patentamt seinen Dienst auf
  • wird der Ullstein-Verlag gegründet
  • wird der Dichter Herrmann Hesse geboren
  • entstehen in Hamburg die Colonnaden
  • öffnet das Museum für Kunst und Gewerbe die Pforten
  • gründen zwei Ingenieure namens Blohm und Voss eine Werft.

Für die Ewigkeit geplant
1877 Am 1. Juli wird die erste Fläche des künftigen Ohlsdorfer Friedhofs feierlich eröffnet, der seit zwei Jahren geplant und nun bepflanzt wird. Die Idee: Nie wieder sollte es in Hamburg einen Mangel an Bestattungsfläche geben. Entsprechend groß fielen die ersten Entwürfe aus.

Letzte Ruhe im Paradies
1879 erhält Wilhelm Cordes, seit zwei Jahren Bauleiter, das Amt des ersten Friedhofsverwalters. Ab 1898 ist er Friedhofsdirektor. 38 Jahre lang leitet er die Geschicke des Friedhofs. Seinem Ideal entsprechend schafft er als sein Lebenswerk einen romantischen Parkfriedhof, anknüpfend an den englischen Landschaftsgarten mit seinen der Natur nachgeformten Wegeführungen, Gewässerformen und Pflanzungen - bis heute Erholungsraum und Bestattungsfläche zugleich. Sein tief humanistisches Anliegen: Jeder Verstorbene soll im eigenen Grab in einem Paradiesgarten ruhen.
1882 wird mit der Schließung der kirchlichen Friedhöfe vor der Stadt begonnen. Ohlsdorf ist nun für Jahrzehnte der einzige überkonfessionelle Begräbnisplatz.

Nicht nur Größe zählt
1887 entsteht die erste repräsentative Grabkapelle Philipp, ein Jahr später erwerben die Familien Laeisz, Canel, Hanssen und Meerwein - Reeder, Kaufleute und Architekten - eine großzügige Anlage, die als Friedhof im Friedhof angelegt wird. Trotz der noch mangelhaften Verkehrsanbindung wird der Ohlsdorfer Friedhof mehr und mehr von allen Hamburgern angenommen.

Ohlsdorf schreibt Geschichte
1900 ist ein Jahr des Feierns, denn der Ohlsdorfer Friedhof erhält einen Grand Prix auf der Pariser Weltausstellung. Neben dem Rathaus und der Speicherstadt ist die Friedhofsanlage das große Repräsentationsprojekt im Hamburg der Jahrhundertwende.

Schöne Aussicht gleich hinter dem Haupttor
1905 erfolgt der Abschluss der Arbeiten am Ehrenfriedhof (heute Althamburgischer Gedächtnisfriedhof) mit der Enthüllung der marmornen Christusstatue am Haupteingang. Ohlsdorfs Visitenkarte mit seiner detailreichen Gestaltung nimmt die Gebeine berühmter Hamburger Persönlichkeiten vergangener Jahrhunderte auf. Sie werden ab 1920 von den nunmehr zu räumenden Begräbnisplätzen hierher umgebettet.
1906 wird nicht nur der Hauptbahnhof seiner Bestimmung übergeben; die Anbindung des Friedhofs per Bahn bedeutet einen erheblichen Zuwachs an Bequemlichkeit für die Besucher.

Späte Romantik

Im Jahre 1911 entsteht als letzte große Baumaßnahme unter dem ersten Friedhofsdirektor das Verwaltungsgebäude am Haupteingang. Sein verspielter Rosen- und Anemonenbarock verrät Cordes' architektonische Vorlieben.

Aufbruch in die Moderne
1919 - Wilhelm Cordes, noch bis kurz vor seinem Tod 1917 regelmäßig bei den Friedhofsinspektionen zu sehen, wird von Otto Linne abgelöst. Dessen Reformkonzept versteht den modernen Friedhof in erster Linie als Bestattungsfläche. Als raumbildende Elemente dienen ihm Hecken und Baumreihen, mit denen er rechteckige Bereiche anlegt, die Grabquartiere. Mit unterschiedlichen Brunnen muss wegen ihrer Ähnlichkeit für Orientierung gesorgt werden. Selbst die Wasserflächen werden geometrisch gestaltet, z.B. T-Teich oder Prökelmoor.
Die Friedhofsreformbewegung nimmt auch Einfluss auf die Grabmalgestaltung: Größe und Material, Formen, Schriften und Schmuckornamente werden reglementiert. Unerwünscht sind nun die repräsentativen Grabstätten als Zeugnisse sozialer Unterschiede der Familien.

Als Soldaten noch Krieger hießen
1924 - in der Nähe der im Vierländer Heimatstil errichteten Kapelle 12 wird auf 3.000 Quadratmetern der englische Soldatenfriedhof angelegt. Die deutschen Soldatenfriedhöfe im Herzen des Ohlsdorfer Friedhofs bei Kapelle 9 werden neu gestaltet.

Die Grenzen des Wachstums
1930 erreicht der Ohlsdorfer Friedhof seine größte Ausdehnung von 400 Hektar. Unter der Regie von Otto Linne werden seit 1920 unter extremem Arbeitseinsatz das Prökelmoor trockengelegt und umfangreiche Erdarbeiten durchgeführt. Das starke Bevölkerungswachstum vergangener Jahrzehnte erfordert nun mehr Fläche.

Schumachers letzter Bau
1933 wird das neue Krematorium an der Talstraße eingeweiht, das letzte Bauwerk Fritz Schumachers in Hamburg. Der frühere Nebeneingang muss weichen, seine schmiedeeisernen Tore werden an der Einfahrt Seehof wieder aufgebaut. Die Fassade von düsterer Monumentalität trägt einen vergoldeten Phönix. Der Bauschmuck der typisch norddeutschen Klinkerarchitektur stammt von Richard Kuöhl, die Fenster der mittleren Feierhalle (früher "Halle B", heute "Fritz-Schumacher-Halle") fertigt der ungarische Expressionist Ervin Bossanyi. Ihre starke Farbigkeit und ihr Übergang von Blau zu Rot setzen wirkungsvolle Akzente.

Spuren von Krieg, Verfolgung und Widerstand
1940 werden in der Nähe des Wasserturms an der Cordesallee die ersten zivilen Opfer des Bombenkrieges in Hamburg beigesetzt.
1943 - im Juli und August erschüttern sechs Luftangriffe die Stadt. Die 36.918 Opfer des "Hamburger Feuersturms" werden von KZ-Häftlingen in Massengräbern beigesetzt. Das Bombenopferkreuz wird heute von der Mittelallee, der Kirschen-, Sorbus- und Eichenallee eingerahmt. Im Jahr 1952 erhält diese Grabstätte das Mahnmal von Gerhard Marcks mit einer monumentalen Figurengruppe.
1949 findet die Einweihung der Gedenkstätte für die Opfer nationalsozialistischer Verfolgung am Krematorium statt. In 105 ober- und 29 unterirdischen Urnengefäßen befinden sich Asche und Erde aus deutschen Konzentrationslagern.
1963 überschreitet die Anzahl der Beisetzungen auf dem Ohlsdorfer Friedhof die Millionengrenze.

"Engel zu verschenken"
1990 gibt's etwas umsonst: Der erste Grabmalpate erhält eines der kostbaren Grabmale, das sich nicht mehr im Familienbesitz befindet. Er restauriert es aufwendig und setzt stolz seinen eigenen Namen auf den Stein. Bis 2002 werden so ca. 320 dieser Grabmale vor dem Verfall bewahrt. 1996 machen Kultursenatorin Christa Weiss und Schauspielerin Heidi Kabel die Möglichkeit, eine Patenschaft zu übernehmen, mit dem Titel "Engel zu verschenken" bekannt.
1995 entsteht ein Dienstleistungsunternehmen, das nach den Regeln moderner Marktwirtschaft geführt wird: die Hamburger Friedhöfe - Anstalt öffentlichen Rechts.
1996 - das Museum Friedhof Ohlsdorf wird eröffnet, die Betreuung übernimmt der 1989 gegründete Förderkreis Ohlsdorfer Friedhof e.V.. Er setzt sich für die Erhaltung historischer Friedhofsanlagen ein, veranstaltet Führungen und Ausstellungen.

Das Erbe bewahren
1997, anlässlich des 120. Geburtstages, präsentiert sich nicht nur der nach historischem Vorbild restaurierte Rosengarten den Besuchern. Insbesondere der neue Nebeneingang mit einem Informationshaus gegenüber dem Ohlsdorfer Bahnhof trägt dem Kundenservice Rechnung.
1998 werden im Kolumbarium in der renovierten Kapelle 8 die ersten Urnen in oberirdischen Nischen beigesetzt. Der Trend zu Grabstätten ohne zusätzliche Grabpflege ist Grund für diese in Norddeutschland einzigartige Beisetzungsform.
Der Althamburgische Gedächtnisfriedhof erfährt eine gründliche Kur: Wegeführungen werden wiederhergestellt und Säuleneiben gesetzt, entsprechend der ursprünglichen Gestalt.

www.friedhof-hamburg.de
1999 gehen die Hamburger Friedhöfe online. Informationen über Grab und Bestattung, Grabpflege, Termine und Prominente stehen nun im Internet - im Folgejahr können Bestatter Termine für Trauerfeiern online buchen. Im Jahr 2002 erfolgt die Verknüpfung der Daten mit einer grafischen Oberfläche (Friedhofsplan). Zusätzlich können dann Informationen über Ruhestätten und die dort Beigesetzten, Prominentengräber und Sehenswürdigkeiten online abgerufen werden.

neue Trends
2001 werden neue Trends in der Bestattungskultur erkennbar: Der "Garten der Frauen", eine Beisetzungsstätte nur für Frauen und eine Gedenkstätte für bedeutende Frauen der Vergangenheit, wird eingeweiht. Es zeigt sich hierin, dass auch in der Bestattungskultur sich neue, individuellere Formen Raum verschaffen.

2002 - 125 Jahre Ohlsdorfer Friedhof
Im Jahr 2002 feiert der Ohlsdorfer Friedhof sein 125 jähriges Bestehen.

 

2011 Raum der Ruhe - das Hamburger Bestattungsforum Ohlsdorf                                                                                                      Das neue Gesicht der Bestattungskultur in Hamburg: Stolz wird im November 2011 das Hamburger Bestattungsforum Ohlsdorf präsentiert. Der historische Schumacherbau wurde denkmalgerecht saniert und die Einäscherungsanlage wieder in Betrieb genommen. Zusätzlich entstanden in einem Neubau Feierhallen, Abschiedsräume, ein Kolumbarium, eine Urnenkrypta und das Café Fritz.

Als "Raum der Ruhe" soll es Trauernden Raum geben, sich dem Verstorbenen ein letztes Mal in Ruhe zuzuwenden. Friedhofsgäste können dort verweilen, auch bei einem Kaffee oder mehr. Veranstaltungen um das Thema Abschied und Trauer runden das Abgebot ab und sorgen dafür, dass Vorbereitungen für das Unvermeidliche in Ruhe bedacht und getroffen werden können.

 

Wilhelm Cordes bestimmte die Gestalt des Friedhofs wesentlich.

Das Bauernhaus der Familie Schwen, Vorbesitzer des Geländes, wurde zur ersten Kapelle umgebaut. In den Wohnräumen entstand die erste Friedhofsverwaltung. Heute befindet sich an diesem Ort das Verwaltungsgebäude von 1911.

Verwaltungsgebäude von 1911, Abbildung aus den 20er Jahren.

Otto Linne, der zweite Friedhofsdirektor und bedeutender Friedhofsreformer.

        


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